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In
Heiligenblut, am Fuße des höchsten Berges Österreichs, dem Großglockner
( 3798 m ), kann man einen alten Brauch miterleben, der sich bis
heute fast unverändert erhalten hat, das Heiligenbluter
Sternsingen.
Lebendiges Brauchtum pflegen, gewachsene Tradition hochhalten,
den Zusammenhalt unter den Bewohnern des bekannten Bergdorfes
stärken, das alles liegt den Sternsingern von Heiligenblut am
Herzen.
Am 5. Jänner, dem Vorabend des Dreikönigsfestes sammeln sich
die Männer in Gruppen, die "Rotten" genannt werden,
um den Sternträger mit dem kunstvoll gebauten, reich
verzierten, beleuchtbaren Stern. Es ist Ehrensache dabei zu
sein, und die Ältesten tun dies schon seit Jahrzehnten. Und wie
es beim Brauchtum so ist, die Jungen lernen und übernehmen die
über viele Jahrhunderte überlieferten Melodien und Texte von
den Alten.
Kurz vor 4 Uhr Nachmittag,
es dämmert bereits und das enge Tal liegt schon im Schatten,
strömen die Sternsingergruppen aus allen Himmelsrichtungen
zusammen und versammeln sich vor dem Eingang des verschneiten
Bergfriedhofes der idyllisch gelegenen Pfarrkirche von
Heiligenblut.
Hände schütteln, ein glückliches, neues Jahr wünschen,
Neuigkeiten über das Dorfleben austauschen, dann geht es über
einige Stufen hinauf in die Kirche, wo die Sternsinger schon vom
Pfarrer erwartet werden.
Die
Kirche ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Dorfbewohner
aber auch viele Gäste des bekannten Luftkurortes sind gekommen,
um bei der Segens- feier dabei zu sein. Heute ist auch der
ORF mit einem Kamerateam hier, um das Geschehen rund um diesen
Brauch aufzuzeichnen.
Die Rotten ziehen hinter ihrem Sternträger feierlich in
die Kirche ein und stellen sich in einem Kreis um den Altar auf.
Der Pfarrer begrüßt Sänger und Kirchenbesucher. Während sich
die Sterne drehen, erklingt das erste Lied der Sternsinger, eine
eigenartig melodische Abfolge von Gesang und Spiel der
Instrumentalgruppen, die die Sänger begleiten. Der Text ist
nicht immer leicht zu verstehen, da er noch in seiner
ursprünglichen Sprache erhalten und weitergegeben worden ist.
Zum
Schluss der Andacht erteilt der Pfarrer den Segen, dann ziehen
die Sänger wieder aus der Kirche aus. Vor der Kirche
verabschieden sich die einzelnen Gruppen voneinander und machen
sich dann auf den Weg zu den entlegensten Bauernhöfen des
Dorfes. Sie brechen auf zum langen, beschwerlichen Marsch in die
sogenannte "längste Nacht von Heiligenblut". Heuer
scheint ihnen das Wetter gewogen, es ist nicht sehr kalt und die
Straßen und Wege sind großteils gut begehbar.
Aber auch Schneesturm und eisige Kälte könnten die
winterharten Männer nicht von ihrem Vorhaben abhalten. Mit
ihren Lodenmänteln, den Filzhüten, den langen Stöcken und
Laternen in der Hand werden sie für Uneingeweihte zur
geheimnisvollen, unheimlichen Begegnung, wenn sie murmelnd aber
oft auch schweigend durch die verschneite Landschaft ziehen.
Wir
dürfen heuer gemeinsam mit einigen Freunden zum ersten Mal
dabei sein und sind vom ersten Augenblick an gefangen vom
seltsamen Zauber dieses alten Brauches. Nach einem wärmenden
Tee in der gemütlichen Gaststube neben der Kirche kehren wir
zum Zirbenhof, einem alten einladenden Berggasthof in Schachnern,
weit oberhalb von Heiligenblut, zurück. Die Nacht ist
sternenklar und wir werfen von hier noch einen Blick auf das im
Tal liegende Bergdorf, in dem die vielen Lichter der Häuser und
Straßenlaternen zauberhaft funkeln.
Bei
einer deftigen Bauernjause mit hauseigenen Köstlichkeiten reden
wir über das am ersten Tag erlebte und das noch zu erwartende
Geschehen rund um diesen Brauch. Dann verbringen wir beim
Karteln und mit anderen Spielen einen geselligen Abend in der
gemütlichen Zirbenstube des urigen Gasthofes.
Es ist schon nach Mitternacht, als wir uns auf das Zimmer
begeben und in das über hundert Jahre alte, mit kunstvollen
Schnitzereien verzierte Bett legen.
Eine
seltsame Vorfreude lässt mich unruhig schlafen. Immer wieder
wache ich auf und schaue durch ein kleines Fenster auf eine
verschneite Bergwiese, die im fahlen Licht des Mondes
aufleuchtet. Die dunkle Silhouette des Bergwaldes durchzieht
diese Fläche und hebt sich auch deutlich vom Horizont ab - eine
ruhige, friedliche Winternacht in den Bergen der Glocknergruppe.
Wenn da nicht das eigenartige Gefühl wäre, das man schon als
Kind kennt, wenn man ungeduldig angespannt auf etwas wartet.
Dann
ist es so weit! Das Aufflackern eines gedämpften Lichtscheines,
Stimmengemurmel, der Einsatz der Bläsergruppe und dann wieder
diese sanften Klänge des Sternsingerliedes machen mich
hellwach.
Ich wecke meine Partnerin auf und sage: "Sie sind da."
Wir ziehen uns rasch an und eilen über die Stiege hinunter zum
Hauseingang. Auch die Wirtin mit ihren Kindern, unsere Freunde
und die anderen Hausgäste kommen bald, den Schlaf aus ihren
Augen reibend, daher.
"Måchts lei auf die Tür!" sagt Edith, die Wirtin vom
Zirbenhof, die diesen Brauch ja bereits kennt.
Durch
die trübe Glasscheibe der Haustür hat man schon die Form des
Sterns und sein eigenartiges gelbes Licht erkannt. Aber als die
Tür aufgeht, erstrahlt er fast wie eine Sonne vor dem
Hintergrund der Winternacht.
Da stehen sie nun, die Sternsinger von Heilgenblut, und ich bin
tief berührt von der zauberhaften Stimmung. Die Männer haben
sich im Halbkreis aufgestellt. Die langen Stöcke lehnen an
ihren Schultern und liegen mit dem anderen Ende vor den
Laternen, die in der Mitte aufgestellt sind, am Boden auf.
Hinter der Sängergruppe stehen die Musikanten mit ihren
Instrumenten. Es dauert lange, bis alle Strophen des alten
Liedschatzes durchgesungen sind.
Ich
muss jetzt die andächtige Stimmung stören, da ich dieses
Ereignis unbedingt mit meiner Kamera festhalten will. Dabei
fällt nicht nur mir auf, dass das grelle Blitzlicht einen
schrillen, unpassenden Kontrast zum warmen Licht des Sternes
darstellt. Die Männer lassen sich aber dadurch nicht
beunruhigen und scheinen vollkommen in den Klängen dieses
Rituals zu versinken.
Nach der letzten Strophe löst sich die feststehende Ordnung der
Gruppe auf.
Die
Sternsinger gehen auf die Bewohner und auf die Gäste des Hauses
zu, um ihren gesungenen Neujahrswünschen mit herzlichen Worten
und einem kräftigen Händeschütteln spürbaren Nachdruck zu
verleihen. Weil man sich dabei klarerweise auch näher kommt,
fällt mir auf, dass der eine oder andere bereits einige Tropfen
"Frostschutz" in den Adern haben muss, was sich durch
das Vorbeistreichen der aromatischen, geistreichen Atemluft
bemerkbar macht. Man muss das aber auch verstehen, da es nicht
möglich ist, dem gastfreundlichen Angeboten der Hausbesitzer
immer einen Korb zu geben.
Einige
beugen sich zu den Kindern herab und fordern sie auf, mit ihrer
Hand in die Kapuzen der Lodenumhänge zu greifen. Die Kinder tun
das auch sogleich, schon wissend, dass dort Süßigkeiten zu
holen sind. Barbara und Peter, die Kinder der Wirtin, nützen
die Gelegenheit, fassen gleich einige Male nach und stopfen die
Zuckerl in ihre Säcke. Später wird die "Beute" dann
in der Labn, dem Vorraum eines Bauernhauses, gerecht aufgeteilt.
Die
Sternsinger müssen weiter, noch sind viele entlegene Höfe zu
besuchen und kein Haus darf ausgelassen werden. Auch das ist ein
festgeschriebenes Gesetz dieses alten Brauches.
Die Männer verabschieden sich und ziehen weiter zum Nachbarn,
von dem sie nach dem Singen ins Haus gebeten und dort mit Speis
und Trank großzügig bewirtet werden.
Als
ich mich wieder zu Bett begebe, leuchtet das sanfte Sternenlicht
noch in mir nach und die Melodie des Sternsingerliedes wiegt
mich in einen
erholsamen Schlaf.
Ein tief bewegendes Erlebnis. Es zeigt, wie notwendig es ist,
dass die Menschen in dieser extremen Gebirgsregion
zusammenhalten müssen, um in diesem Lebensraum mit seinen
harten Lebensbedingungen ihre Existenz zu sichern.
Das
macht aber auch verständlich, dass man den sympathischen
Menschen dieser Region alle Unterstützung zukommen lassen muss,
die sie brauchen.
Nur so kann weiterhin die Schönheit der Gebirgslandschaft
erhalten und wertvolles Kulturgut bewahrt bleiben.
SZ
Lavanttaler Online
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