Auf der Koralpe befindet sich ein kleiner, dunkler See, den einige graue Steinblöcke umrahmen.
Dieser See soll so tief sein wie ein richtiges Meerauge. Darum blickt er auch derart finster gegen den Himmel.
Im Koralpensee hauste einmal eine Nixe. Die wenigen Lavanttaler, die sie gesehen hatten, wussten zu erzählen, sie sei so schön, dass man es gar nicht beschreiben könne.
Jene Nixe hatte allen Hirten, die im umliegenden Almreich ihr Vieh hüteten, ihren Schutz versprochen, wenn sie nur niemals in ihrer Ruhe gestört würde. Und auch den Jägern versprach sie, ihnen nichts in den Weg zu legen, wenn sie nur in der Nähe des Sees ihr Schießzeug niemals knallen ließen.
Aber die Leute wussten auch zu erzählen, dass man nur einen Stein in den See zu werfen brauchte, um die Nixe aus ihrer Ruhe zu bringen.
Dann tauche sie vor dem Neugierigen auf, aber nicht als das schönste frauliche Wesen, sondern als zornentbranntes Weib, das jeden Unruhestifter bestrafte.
Ein junger Hirte, der das erste Mal mit einer Schar Rinder auf der Koralpe weilte, fühlte in sich das heiße Verlangen, die schöne Nixe zu sehen. Obwohl ihn ein Kamerad vor diesem Vorhaben warnte, ließ er sich nicht von seiner Neugierde abbringen.
In einer mondklaren Nacht schlich er mit einem großen Stein an den See heran und schleuderte ihn hinein, dass das Wasser hoch aufspritzte.
Sofort erhoben sich ein lautes Gurgeln und ein wüster Sturm. Und schon tauchte die schöne Nixe aus der Tiefe empor. In ihren Augen grollte Zorn, und ihre Haare peitschte der Wind wirr durcheinander, dass sie das halbe Gesicht verhüllten.
Als sie nun ihre Arme wie abwehrend von sich streckte, begann die aufgepeitschte Flut des Sees zu steigen, immer höher und höher. Ehe der freche Bursche noch sein Heil in der Flucht suchen konnte, hatte ihn das rauschende Wasser erreicht.
Am nächsten Morgen fanden die anderen Hirten ihren jungen Kameraden tot am Ufer des Sees liegen, der sich wieder so ruhig und friedlich zwischen dem Felsgestein ausbreitete wie am Tag zuvor.